Jüdische Spiritualität

Über Spiritualität wird viel geredet und geschrieben. Dabei ist es schwer, den Begriff Spiritualität zu erklären und man stellt schnell fest, dass das Wort „Spiritualität“ ein Sammelbegriff für ein sehr breites Spektrum unterschiedlicher und oft ganz individueller Auslegungen ist. Versteht man unter Spiritualität jedoch eine in uns Menschen angelegte Fähigkeit, das Transzendente zu ahnen und nach einem Lebensentwurf zu streben, der dieses Transzendente auch in den kleinsten Dingen erkennt und in die Alltagspraxis einbezieht, dann ist Spiritualität genau das, was jüdisches Leben und Denken ausmacht. Die Essenz des Judentums ist nämlich das Suchen nach der Schechina, der göttlichen Präsenz in der Welt, und das Führen eines Lebens, das vom Wissen um diese göttliche Präsenz und der Fähigkeit, sie zu erkennen, bestimmt wird. In der jüdischen Mystik wird die seelische Haltung eines Menschen, der das Gebot mit ganzem Herzen erfüllt, Kawanna genannt. Kawanna ist auch die Versenkung im Gebet. Kawanna im Gebet oder in der Erfüllung der religiösen Gebote kann dem Menschen das Transzendente, die Schechina, erfahrbar machen. Weil sich laut jüdischer Tradition das Transzendente (oder das Heilige) auch im Antlitz, also in der Würde des gottesebenbildlich geschaffenen Menschen widerspielgelt, können wir das Transzendente aber auch in der Begegnung mit unseren Mitmenschen finden, also in alltäglichen Lebenserfahrungen und ganz ohne mystische Versenkung.

[Stephan M. Probst]

Stephan M. Probst, Leitender Oberarzt für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Klinikum Bielefeld, Herausgeber einer Buchreihe im Verlag Hentrich & Hentrich zu Themen rund um Leib und Leben im Judentum wie z. B. »Das Antlitz der Alten umschönen. Vom Umgang mit dem Älterwerden und dem Alter im Judentum.« Erhältlich u.a. in der Literaturhandlung.