Judn ohne Wiesn

»Davidstern, Dirndl und Lederhose«

Jüdisches Museum: Ausstellung über Münchnerinnen und Münchnern in Tracht

Seit 1810 Jahren gibt es das Oktoberfest. Dieses Jahr hätte es ab 19. September geheißen: „O’zapft is!“ Doch 2020 thront das Münchner Wahrzeichen, die Bavaria, alleine über der Theresienwiese. In 210 Jahren fiel das größte Bierfest der Welt nur 25 Mal aus. Das Oktoberfest, bei dem sich jedes Jahr rund zwei Wochen Millionen Menschen von überall tummeln, wurde Corona-bedingt abgesagt. Die Juristin und Hobbyfotografin Lydia Bergida fragte sich, wie Juden zur Wiesn stehen und bat zum Fototermin in Dirndl und Lederhose. Es machten 24. Leute im Alter zwischen vier und 76 Jahren mit. Die Journalistin Kathrin Diehl zeichnete ihre Wiesn-Erfahrungen auf. Das Ergebnis, große Farbporträts mit aussagekräftigen Zitaten, ist bis 18. Oktober im Foyer des Jüdischen Museum München am Jakobsplatz, zu besichtigen.

München hat einen historischen jüdischen Bezug durch das 1900 gegründete „Volkskunsthaus“ der Brüder Wallach, das 1938 arisiert wurde und einen Teil der Familie das Leben kostete.

Für die Juden, die es nach der Befreiung 1945, aber auch in später nach München verschlug, war die Begegnung mit bayerischem Brauchtum anfangs verstörend. Doch für etliche Kinder von Überlebenden wurde es längst betörend. Für Ischo, 1954 im DP-Lager Föhrenwald geboren, gilt: „Bayrisch sein und jüdisch sein…das geht doch wunderbar zusammen“. Er wie manch andere/r bedauert nur, wenn Wiesn-Tage wegen der jüdischen Feiertage für ihn entfallen. Roman, 1944 in einem Waldversteck 1944 in Tarnopol (heutige Ukraine) geboren, würde die Wiesn am liebsten als „jüdische Erfindung“ vereinnahmen. Für Shulamit, 1969 in Teheran geboren, in Israel aufgewachsen und seit 22 Jahren in München ansässig, war das Dirndl lange ein „deutsches Symbol“. Inzwischen tragen sie und ihre Tochter Dirndl und empfangen die israelische Verwandtschaft termingerecht im September zu Besuch. Robby führt seine Trachten zu Purim sogar in der Synagoge aus. Er hat sich etwas zurückerobert, was Juden nach 1933 genommen war, und zitiert eine Anzeige aus dem Nazi-Kampfblatt „Der Stürmer“ von 1936. Da hieß es „Trachtverbot für die Juden, die einzige Tracht, die die verdienen, ist eine Tracht Prügel“. Der Mediziner Martin, 1955 in Warschau geboren,  bezeichnet sich als „fanatischen jüdischen Wiesn-Gänger“, „mag es, wenn Menschen mit ihrer Tradition verwurzelt sind“ und hofft „aufs nächste Jahr“. Koscher light bedeutet Wiesn-Brezn und Steckerlfisch.  „Dank dem bayerischen Reinheitsgebot“, wie der Münchner Michael sinniert, das süffige Bier genießen zu können, heißt nicht, dass man den Blick vor historischen Tatsachen verschließt. Ob einstige Ausgrenzung oder Wiesn-Attentat von 1980 – am Ende siegt die Freude mit Freunden zu feiern, die Welt zu Gast in der Stadt zu haben. Die Bilderschau wirkt wie eine unterhaltsame, informelle soziologische Studie über Identität und Zugehörigkeit. Beim „Oktoberfest mit seinen Extremen“ wird man „Teil einer Masse und doch auch wieder  nicht.“

Der Eintritt zur Ausstellung ist frei, das Museum ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.

Ellen Presser

Foto: Lydia Bergida